Vorschau

Jedes Heft hat ein Schwerpunktthema, das von Gastredakteur_innen konzipiert und betreut wird. Die eingereichten Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Vorschläge für Schwerpunktthemen sind jederzeit an die Redaktion möglich. Hinweise zu Einreichungen finden Sie in unseren Submission Guidelines.

ZfM 22, erscheint im April 2020
Heftvorschau

Medium | Format

Formate sind technische Maßeinheiten zur Normierung und Verwaltung medialer Anwendungen und Apparaturen. Sie setzen damit die Regeln fest, nach welchen sich die Wirksamkeiten von Medien in ihren Reproduktions- und Zirkulationsverhältnissen entfalten lassen. Formate beeinflussen die Art und Weise, wie ein Medium erscheint, operiert, reguliert, kommuniziert und erfahrbar wird. Die Flexibilität und Reichweite von Medien sowie ihre Funktionalität und Praktikabilität, aber auch ihre Materialität sind mit technischen, kulturellen und sozialen Aushandlungs- und Standardisierungsprozessen verschränkt, die mit Fragen des Formats in Bezug stehen. Trotz jener manifesten Relevanz erscheint das Format als medienwissenschaftliche Größe bisher weitestgehend unberücksichtigt. Als technische Organisationseinheiten medialen Wissens werden Formate häufig nur zur funktionalen Analyse medialer Infrastrukturen genutzt. Wie sehr sich die Kategorie des Formats und besonders auch deren Theoretisierung zur Analyse ubiquitärer, netzwerkartiger und damit auch diffuser werdender Formen und Begriffe des Medialen eignet, zeigt Jonathan Sternes Auseinandersetzung mit dem MP3-Format und sein Ausruf nach der Notwendigkeit einer «format theory» (Jonathan Sterne: MP3. The Meaning of a Format, Durham 2012, S. 1). Die Auseinandersetzung mit «Format» findet also über die Sound Studies Einzug in medienwissenschaftliche Diskurse – ein Forschungsfeld, welches immer schon mit den plastischen, fluiden und ephemeren Eigenschaften des Medialen konfrontiert war.

Im post-medialen Zustand der vermeintlichen Auflösung medialer Dispositive wie Fernsehen oder Kino, vor allem auch befeuert durch das Aggregationsvermögen des Digitalen, soll das Format als Untersuchungskategorie dieser auflösenden Zustände produktiv werden. Denn durch das Format lässt sich der Maßstab einer medienwissenschaftlichen Analyse ändern, die so den Blick freigibt, auf die Interdependenzen und Umgebungen von Medien sowie deren inhärente Funktionslogiken und Codes. Die Untersuchung von Formaten thematisiert damit vor allem auch deren «beneath, beyond and behind» (Jonathan Sterne, S. 11). Vom Großen zum Kleinen ist das Format ein produktives Zugeständnis an die Skalierbarkeit und damit Wendigkeit sowie Anpassungsfähigkeit von Medien. Dass mit dieser medialen Plastizität am Reibepunkt von Analog und Digital auch die Kompression, das Kleinrechnen und Verdichten des Medialen einhergeht und die Frage der vermindernden Qualität aufwirft, zeigen ex negativo aktuelle Tendenzen im Bereich des Kinos: Hier werden analoge Formate und eine medienspezifische, kinematografische Materialität als qualitative Gütesiegel in nostalgischer Rückbesinnung und auch als kritisches Statement gegen die Digitalisierung eingesetzt. Das demonstrieren Christopher Nolans Interstellar (2014) und Quentin Tarantinos The Hateful 8 (2015), die im als monumental wahrgenommenen 70mm-Format ausgestrahlt und teilweise auch produziert wurden oder aktuell Damien Chazelles im CinemaScope-Format gedrehter Film La La Land (2016). Anhand experimenteller Filmpraktiken im Independent Cinema lässt sich ein explorativer Umgang an den «Schnittstellen» unterschiedlicher – analoger wie digitaler –  Formate nachvollziehen. Appropriative Praktiken durch Umformatierung demonstrieren die Plastizität medialer Materialien, wie zum Beispiel in Philip Scheffners Havarie (2016) und können als kritische oder dokumentarische Bildpraxis ausgelegt werden. 

Alleine in Bezug auf audiovisuelle Phänomene, so zeigen es die genannten Beispiele, fluktuiert die Bedeutung des Formatbegriffs und der künstlerische Einsatz verschiedener Formate – von der nostalgischen Material-Zelebration zur kritischen Bildpraxis – stark. Diese Kontextabhängigkeit, so die These dieses Schwerpunktes, verspricht einen potentiellen Zugewinn für medientheoretische Reflexionen, indem sie bislang unbemerkt gebliebene Bezüge zwischen Medien, wiederkehrende Techniken und Praktiken wie auch historische Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu Tage treten lässt. Gleichzeitig stellt diese Bedeutungsvielfalt aber auch eine konzeptuelle Hürde dar, die es zu problematisieren gilt. Ausgehend von diesen Beobachtungen versteht das Themenheft die Kategorie des Formats als Herausforderung für die Film- und Medienwissenschaft und fragt zuvorderst, welche kulturelle, ästhetische und perzeptuelle Relevanz diese technisch implementierte Größe beanspruchen kann. In welchem Verhältnis stehen Medium und Format? Kann das Format als kultureller Messwert eines Mediums gelten? Stellt gerade auch unter der Maßgabe des Digitalen das «Format» gar eine Alternative zum «Medium» dar?  Wenn Formate mediale Transformationen auf ihre Vergrößer- und Verkleinerbarkeit hin testen, z.B. indem sie auf die In/kompatibilitäten zwischen einer Formatbasis und ihrer Wiedergabe und damit einer Abhängigkeit zwischen einen Phänomen und seiner Umgebung  aufmerksam machen, welchen Mehrwert kann dann das Format für aktuelle Theoriebildungen haben, die das Konzept der Skalierung und des Scalings explizit in Bezug auf die Frage der Environmentalität und der Medienökologie (u.a. Derek Woods: Scale Critique for the Anthropocene) ausrichten? Wie kann das Format epistemologische Problematisierungen der Skalierbarkeit thematisieren, wie sie prominent durch Bruno Latour geäußert werden (z.B. in Anti-Zoom, 2017)? Welchen Einfluss üben kulturökonomische Formatierungsmechanismen, etwa die «Formatpolitik» der Filmarchive und der Sendeanstalten, auf das Leben, Überleben und Nachleben medialer Objekte aus? Weiterhin lässt sich fragen, welches die medienästhetischen Implikationen des Formatbegriffs sind, die über die technisch-materialen Zuschreibungen hinausreichen. Hilft das Format Remediatisierungsmomente sowie die vermeintliche Konkurrenz von Analog und Digital neu zu denken? Welchen Einfluss haben Medienumgebungen und Infrastrukturen über ihre Formate auf die sensorische Wahrnehmung und ästhetische Erscheinung eines Mediums? Welche Rolle haben Formate in perzeptiven Gefügen, wie haben sie Teil an der affektiven Wirkung medialer Konstellationen?

Redaktion des Schwerpunkts: Oliver Fahle, Elisa Linseisen, Alexandra Schneider, Marek Jancovic

ZfM 23, erscheint im Oktober 2020
Texteinreichungen bis Ende Februar 2020
Call for Papers

Zirkulation. Mediale Ordnungen von Kreisläufen

Der Begriff der Zirkulation ist – in der Medienwissenschaft und weit darüber hinaus – zu einer zentralen Analyse- und Beschreibungskategorie geworden. Er wird verwendet, um die Bewegung von Filmen und Serien, von Nachrichten und Inhalten, aber eben auch von Containern und Viren, Geld und Toxinen, Affekten und Verwaltungsformularen, Wolken und Ideen, Elektrizität und Wasser zu erfassen. Insbesondere im Kontext der ANT zielt er darauf ab, die Herstellung globaler Ordnungen durch das Nachzeichnen materieller Verknüpfungen, Übersetzungen und Vermittlungen zu verstehen. Die dynamische Medialität der Übertragung, der Weitergabe und des In-Bewegung-Setzens ist dabei von herausragendem Interesse.

Im vorgesehenen Heftschwerpunkt der Zeitschrift für Medienwissenschaft wollen wir zu einer Auseinandersetzung mit den Ordnungsentwürfen und Ordnungstechniken einladen, die mit der Konzeption von Zirkulationsbewegungen einhergeht. Damit regen wir eine Untersuchung der Dimensionen der Schließung, Beobachtung und Infrastruktur an:

(1) Ursprünglich in Biologie und Ökonomie verwendet, ist der Begriff «Zirkulation» eng verbunden mit der Figur einer in sich zurücklaufenden Bewegung und einer Vorstellung von kosmischer Ordnung. Heute ist diese Diagrammatik der zirkulären Schließung vor allem in zwei Bereichen prominent zu finden: zum einen im Bereich der Ökologie, und hier insbesondere bei der Erforschung und biotechnologischen Gestaltung metabolischer Kreisläufe; zum anderen in logistischen Modellen des Verkehrs, wo sie zu einer Aufgabe der Kontrolle und des Managements wird. Der Zirkel der Zirkulation changiert damit zwischen einem Projekt logistischer Verkehrssteuerung und einer Konzeption ökologischer Selbsterneuerung. Wir fragen: Welche Rolle spielen Offenheit, Blockade oder Unterbrechung in dieser Ordnungsvision? Was entgeht der «perfekten Schließung» und was dringt in sie ein? Und wie können diese Fragen wiederum für die Beschreibung und Analyse zirkulierender Dinge methodologisch fruchtbar gemacht werden?

(2) Die Zirkulationsbewegung ist an eine Beobachtungsposition gekoppelt, von der aus die Schließung des Zirkels einsehbar ist. Schließung, Offenheit, Verlust, Erhaltung, Gewinn, Stabilisierung – all diese Momente der Zirkulation sind abhängig von medientechnischen Verfahren der Registratur, in denen sie sichtbar werden können. Das betrifft zunächst mediale Arrangements zur Erfassung und Steuerung von Zirkulationsprozessen wie z.B. Kontrollräume in Verkehrsleitzentren oder Karten, welche die Verbreitung von Pathogenen oder Toxinen verzeichnen. Inzwischen sind es aber immer häufiger auch automatisierte und algorithmische Verfahren, die auf Plattformen derartige Beobachtungen leisten und darauf basierende Daten zur Weiterverarbeitung bereitstellen. Aber die Frage nach den medialen Ordnungsleistungen geht ebenso die wissenschaftliche Beobachter_in selbst an. Auch sie entwirft «Panoramen» sozio-technischer Schließung, gestaltet Experimentalanordnungen zur Verfolgung von Aktanten und kultiviert moralische Sensibilitäten, um die Rückkopplungen der eigenen Handlungsfolgen wahrnehmbar zu machen. Wir fragen: Welche Beobachtungsmedien erzielen welche Form von Ordnungsvisionen und Ordnungsleistungen in Bezug auf Zirkulationsdispositive? Und wie lassen sich Beobachtungsmedien und Beobachtungsmethodologien in der wissenschaftlichen Forschung so kombinieren, dass sie ihre eigenen blinden Flecke sichtbar machen?

(3) Zirkulation ist kein Mäandern oder Zerfließen. Vielmehr verweist sie auf eine infrastrukturelle Bahn, die sie im Raum leitet. Kläranlagen, Formulare, Unterseekabel, Online-Plattformen, Filmfestivals, Verkehrswege und Stromleitungen wurden in der letzten Dekade als medientechnische «Mittler» der Zirkulation in den Blick genommen. Transport ist dabei immer schon als Transformation gedacht. Infrastrukturen sind damit als selektive Apparaturen zu untersuchen, innerhalb derer die Zirkulation ein spezifisches Bewegungsprofil erhält. Aber: Was ist beispielsweise, wenn Dinge nicht «fließen», sondern «springen» – wenn also die oftmals unterstellte Kontiguität und Kontinuität der Zirkulation zu korrigieren ist? Wie kann man diese Eigenschaften, die selbst infrastrukturell vermittelt sind, in der Analyse der Zirkulation und ihrer materiellen Bedingungen prominenter verankern und welche räumlichen Präfigurationen sind anzupassen?

Die mediale Ordnung von Kreisläufen zu untersuchen, bedeutet also die Schließung, Selbstbeobachtung und infrastrukturelle Bahnung in den Blick zu nehmen. Alle drei Ordnungsaspekte sind in konstitutiver Weise von Medien abhängig. Deshalb schließen wir mit dieser Ausgabe unter dem spezifischen Blickwinkel der Zirkulation an verschiedene medienwissenschaftliche Debattenstränge an: u.a. Debatten um logistical media, «elementale» Medien, die Modellierung und Simulation von Zirkulationsphänomenen, Produktionskultur und praxeologische Forschung, Medienökologien sowie an verschiedene Anwendungsfelder der Akteur-Medien-Theorie und «gouvernemedialer» Prozesse.

Redaktion des Schwerpunkts: Malte Hagener, Sven Opitz, Ute Tellmann

Einreichung kompletter Beiträge im Umfang von ca. 25.000 Zeichen werden bis Ende Februar 2020 erbeten an redaktion@zfmedienwissenschaft.de

Stylesheet und weitere Hinweise unter
http://www.zfmedienwissenschaft.de/service/submission-guidelines