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auf einer Tastatur ruhende Hände

© Will DiGravio

Videography

Gegen den geschliffenen Stil, oder: Gedanken zum videografischen Handwerk, oder: Heute ist ein Remix von «Der wilde wilde Westen» möglich

29.9.2023

English Version

I

Scout Tafoya: «Das Arbeiten an Videoessays ist etwas, das ich nicht so gut vermitteln kann. Es ist nicht sonderlich kompliziert, es ist nur merkwürdig, wie mühsam es ist.»1 

II

Evelyn Kreutzer & Johannes Binotto: «Perfektion ist eine Krankheit.»2  

III

Der Stil von bestimmten Videoessays verbirgt die mühevolle Arbeit ihres Erstellens. Je technisch versierter die Schaffer*innen, desto weniger wahrscheinlich gilt unser Augenmerk dieser Arbeit und desto mehr der Argumentation eines Videos. Eleganz oder Feinschliff werden oft fälschlich mit Qualität gleichgesetzt. Schliff ist ein Stil, manchmal auch eine Fähigkeit, aber kein Qualitätsmerkmal. Videoessayist*innen, die sich für einen geschliffeneren Stil entscheiden oder mehr Wert auf technische Feinheiten legen, scheinen allerdings der unberechenbaren Kapitallogik der Internetplattformen stärker ausgesetzt zu sein.3    Oder wie YouTuberin Broey Deschanel schrieb: «Unsere Videos werden komplett aus dem Verkehr gezogen.»4 

IV

Die Video-Beiträge in dieser Ausgabe des Videography-Blogs sollen maximal zwanzig Minuten lang sein. Mein Beitrag, der sich videografisch mit Der wilde wilde Westen (Mel Brooks, 1974) auseinandersetzt, ist jedoch knapp vier Stunden lang.5   Absichtlich ‹unanschaubar›. Bewusst ‹unvollkommen›.

V

Sich auf unsere Unvollkommenheiten zu konzentrieren ist nicht nur eine ästhetische und politische Geste, sondern eine, die unser Handwerk sichtbar macht. Dabei verteidigen wir die Remix-Kultur, indem wir uns mit jenen solidarisieren, die Stile gewählt haben, die die mühevolle Arbeit dahinter verbergen und wenden uns gegen solche, die versuchen, unsere Arbeit zu zensieren. Imperfektionen sind essentielle Momente in der politischen Landschaft des Videoessays. Sie verkörpern die mühevolle schöpferische Arbeit.

VI

Mel Brooks spielt einen 2.000 Jahre alten Mann. Carl Reiner ist sein Gesprächspartner. Reiner fragt Brooks, ob er Shakespeare kennt. Der bejaht die Frage. Reiner fragt Brooks, ob er auch der Meinung ist, dass Shakespeare ein großer Schriftsteller war. Dieser verneint. Reiner ist schockiert. Sie ziehen sich gegenseitig auf, wobei sie das Wort Schriftsteller jedes Mal stärker betonen. Brooks besteht darauf, dass Shakespeare kein guter Schriftsteller war: «Er steht für die schlechteste Schreibkunst, die mir je in meinem Leben untergekommen ist.»6 

 

In Solidarität mit folgenden Autoren und Werken:

Notes on an American Film Director at Work (Dokumentarfilm von Jonas Mekas, 2008)
Interface 2.0 (2012) & weitere videographische Werke von Kevin B. Lee
Paint Drying (Experimentalfilm von Charlie Shackleton, 2016)
The Arcade Variations (ein kollaboratives Videoexperiment von Catherine Grant und Stanisław Liguziński, 2016) (ausgeführt für Filmarcades – the atlas of mancipated spectatorship)
There is Nothing Outside the Real: Preston Sturges on André Bazin (Desktop-Dokumentation von David Sorfa, 2015)
Practices of Viewing (Serie von Videos von Johannes Binotto, 2021 bis heute)
& viele mehr 

  • 1The Video Essay Podcast: Episode 13, 73 min., mit Scout Tafoya, erste Veröffentlichung: 13.04.2020, https://thevideoessay.com/scouttafoya (30.06.2023).
  • 2Evelyn Kreutzer, Johannes Binotto: Ein Manifest für videographische Verletzlichkeit, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Videography, 30.05.2023, https://zfmedienwissenschaft.de/online/videography-blog/en/manifesto-videographic-vulnerability.
  • 3Mehr zu den Marotten der YouTube-Algorithmen und – Zensor*innen – ist z. B. meinen Gesprächen mit Grace Lee, Thomas Flight, Broey Deschanel, Adam Tinius, Scout Tafoya und anderen zu entnehmen – unter The Video Essay Podcast, verfügbar bei www.thevideoessay.com. 
  • 4Broey Deschanel: Tweets-Thread, Twitter, 21.03.2023, https://twitter.com/DeschanelBroey/status/1638244392220729346?s=20(30.06.2023).
  • 5Erfahren Sie mehr zu diesen Experimenten unter: Christian Keathley, Jason Mittell, Catherine Grant: The Videographic Essay: Practice and Pedagogy, Scalar 2019, www.videographicessay.org (30.06.2023)
  • 6Carl Reiner, Mel Brooks: 2000 and One Years with Carl Reiner & Mel Brooks, Audio-CD, Capitol Records 1961.

Bevorzugte Zitationsweise

DiGravio, Will: Gegen den geschliffenen Stil, oder: Gedanken zum videografischen Handwerk, oder: Heute ist ein Remix von «Der wilde wilde Westen» möglich. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Videography, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/videography-blog/gegen-den-geschliffenen-stil-oder-gedanken-zum-videografischen-handwerk-oder-heute-ist-ein.

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