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Jedes Heft hat ein Schwerpunktthema, das von Gastredakteur_innen konzipiert und betreut wird. Die eingereichten Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Vorschläge für Schwerpunktthemen sind jederzeit an die Redaktion möglich. Hinweise zu Einreichungen finden Sie in unseren Submission Guidelines.

ZfM 17, erscheint im Oktober 2017
Call for Papers

Psychische Apparate

Eine Genealogie der Medienwissenschaft lässt sich ohne die Psychoanalyse nicht denken – von Benjamin bis Mulvey und Kittler ist sie konstitutiv für Film- und Medientheorie. Neben Freud'schen Konzepten wie dem des Unheimlichen und des Unbewussten sind das Lacan'sche Spiegelstadium und seine Register des Realen, Imaginären und Symbolischen weder aus der Filmtheorie seit Mitte der 1970er Jahre wegzudenken, noch aus dem, was in den 1980er und 1990er Jahren Medientheorie geworden ist. Das Unheimliche der Maschine, mediale Wiedergänger, der kinematografische als psychischer Apparat, das Geschlecht des (filmischen) Blicks, (Kultur-)Techniken als Subjektivierung, das optische, ästhetische und neuerdings technologische Unbewusste, das Nicht-Wissen der Medien – all diese Konzepte sind für die Medienwissenschaft konstitutiv. Darüber hinaus hat die Psychoanalyse selbst Modelle der Medialität des Psychischen entwickelt – z. B. bei Winnicott (intermediärer Bereich, Übergangsobjekte), Laplanche / Pontalis (Urfantasie, Szene, Verführung) oder Abraham / Torok (Kryptonymie, Phantom) –, deren mögliche Konsequenzen für die Medienwissenschaft noch lange nicht ausgelotet sind. Dennoch ist der explizite Bezug auf die Psychoanalyse in der Medienwissenschaft in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Gerade die Problematisierung eines subjektiven, der äußeren, objektiven, Welt gegenüberstehenden Innen schien die psychoanalytischen Modelle zunehmend in den Hintergrund treten zu lassen.

So hat Bruno Latour kürzlich die Psychologie als Komplement der Epistemologie beschrieben und beide zusammen dafür kritisiert, die Grenzen zwischen Innen und Außen, Geist und Welt, einer Welt der Geister und Heimsuchungen einerseits und einer Welt der objektiven Gegebenheiten andererseits, zu kontrollieren: „Während jene die Außenwelt übertrieb, betont diese die Innenwelt übermäßig.“ (Latour: Existenzweisen, Berlin 2014, 269) Latour schlägt stattdessen vor, von psychogenen Netzwerken zu sprechen, die das Psychische als Innenwelten erst erzeugen: psychosoziale Infrastrukturen, Psychopharmaka, Zeitschriftenberatungsseiten und Romane, Fernsehserien und Horrorfilme, Therapien und Selbsthilfegruppen.

Diese Fragen nach Materialität und Technologie des Psychischen interessieren die Medienwissenschaft seit langem; sie sind aber seit Freuds «Entwurf einer Psychologie» immer auch Bestandteil psychoanalytischen Denkens gewesen. Psychoanalyse ist insofern auch Widerstand gegen und Herausforderung von eindeutigen Kategorisierungen und Grenzziehungen, gerade der zwischen einem vermeintlich subjektiven Innen und einer objektiven äußeren Welt. Der Verweis auf die Begrenztheiten der Psychoanalyse wäre daher eher als Versuch zu verstehen, das, was die Psychoanalyse ins Spiel bringt, zu kontrollieren.

In Anlehnung an Derrida ließe sich vielleicht von einem Vergessen der Psychoanalyse in der Medienwissenschaft sprechen, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein spezifischer Gegenstandsbereich. Wissenschaftshistorische Forschungen haben die Psychoanalyse als historische Wissensformationen beschrieben; die Frage nach ihrem theoretischen Einsatz und dessen Fortwirken ist damit allerdings noch nicht erfasst. Die Psychoanalyse und ihre temporalen Modelle der Unabgeschlossenheit des Vergangenen, der Transgenerationalität von Erfahrungen und vor allem der Anderszeitlichkeit des Unbewussten müssen auch als Herausforderungen der Wissenschaftsgeschichts-schreibung selbst, ihrer Chrono- und Genealogien verstanden werden.

Mit der Psychoanalyse geht es darum, andere Dynamiken zu denken und anzuerkennen, nicht völlig vorhersehbare Räume und nichtlineare Zeiten, in der Alterität nicht ausgeschlossen oder aufgehoben, sondern gehalten, ermöglicht wird. Freuds Satz «Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon» bedeutet auch, die raumzeitliche Agentialität des Psychischen jenseits von Innen und Außen zu verstehen und die Dämonen, Hexen, Monster und Gespenster, die als Projektionen, Phantasmen, Hirngespinste einer ausschließlich inneren Realität zugerechnet wurden, in eine Welt jenseits dieser Dichotomien zu entlassen. Das Psychische ist keine Innenwelt, es ist vielmehr Teil des relationalen Werdens von Welt, der medialen Verschränktheit von Innen und Außen, von Eros und Thanatos, Symbolischem und Imaginärem, Ab- und Anwesenheit, Individuellem und Sozialem. Denn wo Theorien des Psychischen nicht lediglich als narratologische oder als Figuren-Analyse betrieben werden, tritt anderes hervor: Eine grundlegend relationale Perspektive, die nicht nur Verhältnisse zwischen Menschen, sondern auch ihre Beziehung zu Apparaten, ja das Psychische selbst als Apparat oder Maschine beschreibbar macht, ohne Alterität, Fremdheit und Unintegrierbarkeit zu leugnen.

Insofern muss die Frage nach der Psychoanalyse anders gestellt werden: Wo wird ihr Vergessen, ihre raumzeitliche Alterität ins Spiel gebracht, möglicherweise ohne sie zu erinnern? Haben sich psychoanalytische Konzepte transformiert, ihre Begriffe verschoben? Wo kehren sie wieder? Interessanterweise verflüchtigen sich die Bezugnahmen auf sie gerade dort, wo sie ein Denkrahmen gewesen ist oder sein könnte: Die Nähe des affective turns zu neurowissenschaftlichen Ansätzen ist schon problematisiert worden (und für das affective computing wird weiter zu fragen sein, was es dabei mit Fantasien, Ich-Idealen und im Rekurs auf Deleuze / Guattari mit Wunschmaschinen auf sich hat). Während die feministische (Film-)Theorie psychoanalytische Texte gelesen, gegengelesen, gedeutet und umgedeutet, angeeignet und mit ihnen anders geschrieben hat (Irigaray, Kristeva, Cixous), stellt auch für Judith Butler die Psychoanalyse eine zentrale Referenz und Denkbewegung dar – Identifizierung, Subjektivierung, Trauer / Melancholie. Die Queer Studies betreiben ein Umarbeiten des Triebkonzepts und verstehen Gefühle als politische, die sich eben nicht bloß individuell auflösen lassen, sondern gesättigt sind von Normen, die jedes einzelne Subjekt betreffen. So lässt sich nach der Produktivität von bad feelings fragen. Das Psychische ist zudem virulent in Diskursen um Depression und Burn-out, in Objektbegriffen, in nicht-westlichen Konzepten des Unbewussten und der Geister, in Theorien der (Psycho-)Pharmakologie, die sich sowohl medienwissenschaftlich als auch psychoanalytisch befragen lassen.

Offene, experimentelle Texte sind sehr willkommen.

Mögliche Themen:

– Das psychoanalytische Konzept der Wiederholung in der Film- und Fernsehwissenschaft; die Couch der Armen (Guattari)

– Nicht-westliche Psychoanalyse und die Frage nach den Geistern; Ethnopsychoanalyse, Migration und das Unbewusste

– Queer / Affect Studies: Neufassung, Umarbeitung des Triebkonzepts; politische Theorien von Gefühlen

– Zusammenhang von Genderforschung und Psychologie seit den 1960er Jahren; medizinische/psychologische Gutachten

– die Erfindung von Therapieformen und Erziehungskonzepte im Zusammenhang kybernetischer Steuerungskonzepte (Bateson, Malabou)

– Depression, Melancholie, Burn-outs: Leiden der spätmodernen, neoliberalen Seele (Ehrenberg, Kristeva)? Schicksale der Identifizierung und Trauer zwischen Sozialität und Individualität (Butler); Produktivität, Praktiken und Objekte von bad feelings (Cvetkovich) und cruel optimism (Berlant)

– (Psycho-)Pharmakologie: Praktiken der Subjektivierung und Körpertechnologie; besser Funktionieren, anders Werden, Transformation? (Preciado, Stiegler)

– Objektbegriffe: „Übergangsobjekt“, „Objektbeziehung“ (Klein, Winnicott) und die (neuen) Materialitätsdebatten

– Schreibweisen / Schrift im Zeichen des Unbewussten, Sprechen und Schreiben von Objektivitätsparadigmen lösen: écriture feminine, queeres Schreiben

– Psychoanalyse der Institution (mit und gegen Legendre): Muttersprachen, Doktorväter, die paternalistische Logik der Besten, des Sich-Bewährens

 

Redaktion des Schwerpunkts: Kathrin Peters & Stephan Trinkaus

Stylesheet und weitere Hinweise hier
 

Texteinreichungen bis Ende Februar 2017
ZfM 17, to be published Oct. 2017
Call for Papers

PSYCHIC APPARATUSES

A genealogy of media studies is inconceivable without psychoanalysis – from Benjamin to Mulvey and Kittler, it is constitutive for film and media theory. Alongside such Freudian concepts as the uncanny and the unconscious, the Lacanian mirror stage and its register of the real, imaginary, and symbolic have been indispensible for film theory since the mid-1970s, as well as for media theory in the 1980s and 90s. The uncanny of the machine, medial specters, the cinematographic as psychic apparatus, the gender of the (filmic) gaze, (cultural) techniques as subjectivation, the optical, aesthetic and, more recently, the technological unconscious, non-knowledge of media – all of these concepts are constitutive for media studies. Moreover, psychoanalysis itself has developed models for the mediality of the psychic – for example, by Winnicott (intermediary area, transitional objects), Laplanche / Pontalis (primary fantasy, scene, seduction) or Abraham / Torok (cryptonymy, phantom) – whose possible consequences for media studies have not yet been fully explored. And yet the explicit reference to psychoanalysis has declined significantly in media studies in recent years. Precisely the problematization of a subjective interior in opposition to an external, objective world seemed to push the psychoanalytic model into the background.

In this vein, Bruno Latour has recently described psychology as the complement of epistemology and criticized both for seeking to control the border between interior and exterior, mind and world, a world of spirits and hauntings on the one hand, and a world of objective facts on the other: “While the one exaggerated the exterior world, the other unduly emphasized the interior world.” (Latour, Existenzweisen, Berlin 2014, 269). Latour suggests instead that we refer to psychogenic networks which produce the psychic as interior worlds in the first place: psychosocial infrastructures, psycho-pharmaceuticals, the advice pages of magazines as well as novels, televisions series, and horror films, therapies and self-help groups.

Such questions regarding the materiality and technology of the psychic have been of interest to media studies for quite some time; moreover, they have been a part of psychoanalytic thought ever since Freud’s “Project for a Scientific Psychology” (Entwurf einer Psychologie). Psychoanalysis is thus also a resistance and challenge to univocal categorizations and delimitations, especially to the one between a presumed subjective interior and an objective exterior world. The reference to the limitations of psychoanalysis should hence be understood rather as an attempt to control what psychoanalysis brings into play.

Following Derrida, we may refer to a forgetting of psychoanalysis in media studies, in which more than simply a specific object of study is at stake. Studies in the history of science have described psychoanalysis as an historical knowledge formation; yet this does not entirely answer the question of its theoretical intervention and continued significance. Psychoanalysis and its temporal models of the interminability of the past, of the transgenerationality of experiences, and, above all, of the temporal otherness of the unconscious also have to be understood as challenges to the historiography of science itself, its chronologies and genealogies.

Psychoanalysis is a matter of thinking and recognizing other dynamics, not fully foreseen spaces and non-linear times, in which alterity is neither excluded nor annulled, but retained and enabled. Freud’s postulate “Psyche is extended; it knows nothing of it. [Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon]” also means that we should understand the spatiotemporal agentiality of the psychic beyond the distinction between interior and exterior, and that we should release the demons, witches, monsters, and specters, which have been attributed to the projections, phantasms, and chimeras of an exclusively interior reality, into a world beyond these dichotomies. The psychic is not an interior world, but a part of the relational becoming of world, of the medial entanglement of inside and outside, of Eros and Thanatos, the symbolic and the imaginary, absence and presence, the individual and the social. For wherever theories of the psychic are not merely practiced as narratological or figural analyses, something else emerges: a fundamentally relational perspective that not only enables a description of relationships between human beings, but also of their relation to apparatuses, indeed to the psychic itself as an apparatus or machine, a type of description, furthermore, that does not deny alterity, strangeness, and non-integratability.

To this extent, the question of psychoanalysis has to be posed in a different way: Where is it forgotten, its spatiotemporal alterity brought into play, possibly even without remembering it? Have psychoanalytic concepts transformed, have the terms shifted? Where do they return? Interestingly, references to them vanish at precisely the point where they have been or could provide a framework of thought: the proximity of the affective turn to approaches in neuroscience has already been problematized (and it is worth asking what happens in affective computing with fantasies, ego-ideals, and, in recourse to Deleuze/Guattari, with desiring machines). While feminist (film) theory has read, revised, (re-)interpreted and appropriated psychoanalytic texts as well as written differently (Irigaray, Kristeva, Cixous), psychoanalysis also represents a central point of reference and movement of thought for Judith Butler ­– identification, subjectivation, mourning / melancholy. Queer Studies seeks to rework the concept of the drive and regards emotions as political, that is, as not merely individual but permeated by norms that affect every single subject. Thus can we inquire into the productivity of bad feelings. The psychic, moreover, is virulent in discussions about depression and burn-out, in concepts of the object, in non-Western concepts of the unconscious and spirits, in theories of (psycho-)pharmacology that can be questioned by both media studies and psychoanalysis.

Open, experimental texts are highly encouraged.

Possible topics:

– the psychoanalytic concept of repetition in film and television studies; The Poor Man’s Couch (Guattari)

– non-Western psychoanalysis and the question of spirits; ethnopsychoanalysis, migration and the unconscious

– queer/affect studies: new versions, reformulations of the concept of the drive; political theories of emotions

– the connection between gender studies and psychology since the 1960s; medical/psychological evaluations

– the invention of forms of therapy and concepts of childrearing in conjunction with cybernetic concepts of control (Bateson, Malabou)

– depression, melancholy, burn-outs: maladies of late-modern, neoliberal psyches (Ehrenberg, Kristeva); fates of identification and mourning between sociality and individuality (Butler); productivity, practices and objects of bad feelings (Cvetkovich) and cruel optimism (Berlant)

– (psycho-)pharmacology: practices of subjectivation and technologies of the body; better functioning, becoming other, transformation? (Preciado, Stiegler)

– concepts of the object: “transitional objects,” “object-relations” (Klein, Winnicott) and the (new) materiality debates

– notations / writing under the sign of the unconscious, detaching speech and writing from paradigms of objectivity: queer writing

– psychoanalysis of the institution (with and against Legendre): mother tongues, doctoral fathers, the paternalistic logic of the best, of standing the test

 

Please submit complete essays with a length of approximately 25,000 characters by February 28, 2017.

Editors of the special issue: Kathrin Peters and Stephan Trinkaus

Style sheet and additional information:
http://www.zfmedienwissenschaft.de/service/submission-guidelines

 

Submissions by Febr. 28, 2017
ZfM 18, erscheint im April 2018
Call for Papers

Medienökonomien

Die Theorietradition der Medienwissenschaft ist auf vielfältige Weise von Fragen der Ökonomie durchwirkt, auch wenn diese noch wenig beachtet scheinen. Unterschiedliche Argumentationsfiguren der Medientheorie verbindet die Vorstellung, dass wirtschaftliches Handeln und ökonomische Strukturen die Lage mitbestimmen, in die Medien uns versetzen, und so wird etwa in der Kulturökonomik seit Kurzem die Frage verhandelt, ob der Markt für Informationsgüter und die digitalen Netzwerke nach der Entwicklung neuer ökonomischer Modelle verlangen. Film- und Mediengeschichte fragen zunehmend nach wirtschaftlichen Prozessen und arbeiten an einer als Mediengeschichte verstandenen Unternehmensgeschichte. In Wirtschaftssoziologie und Wirtschaftsgeschichte treten die kulturtechnischen Faktoren bei der Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung ins Blickfeld.

Neben einer theorie- und disziplinhistorischen Anamnese, welche die Frage der Ökonomie in den unterschiedlichen Ansätzen der Medienwissenschaft aufwirft – von der kritischen Theorie über die Cultural Studies bis zur Kulturtechnikforschung –, soll in den Beiträgen neben einer Diskussion
kapitalismuskritischer Perspektiven insbesondere auch das heuristische Potenzial einer Verschränkung von medienwissenschaftlichen mit wirtschaftswissenschaftlichen,
wirtschaftssoziologischen und wirtschaftshistorischen Ansätzen erprobt werden.

Redaktion: Monika Dommann, Vinzenz Hediger, Florian Hoof

Ausführlicher Call demnächst hier.

 

Texteinreichungen bis Ende Sept. 2017