Exzellenz

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«Exzellenzinitiative» ist eine Vokabel aus der jüngeren Wissenschaftspolitik. Sie fasst die Formeln für Dynamik, Wettbewerb und Elite zusammen und bezeichnet ein Auswahlverfahren, mit dem die Bundesregierung solche Universitäten fördert, die eben besonders dynamisch, kompetitiv und erfolgreich Drittmittelprojekte durchführen. Zwischen Dankbarkeit für die Forschungsfinanzierung und Kritik an einer akademischen Kultur des Antragschreibens, die sich für jedes Fach und jede Hochschule stellt, befindet sich auch die Medienwissenschaft. Sind Repräsentationsfragen, Rankings, Strategien des Selbstmanagements nicht Teil unserer Expertise?  Oder kommen wir nicht zu deren Ausarbeitung, weil der nächste Antrag ansteht? Die «Initiative Exzellenzkritik» hat Argumente und Zahlen zusammengetragen, die GEW lehnt die Spitzenförderung angesichts
fehlender Grundfinanzierung ab, der Soziologe Michael Hartmann gibt ein Interview zum «Zweiklassensystem» - und Prof. Dr. Jochen Hörisch nimmt für die ZfM Stellung.

Texte in dieser Debatte: 
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Schlecht aufgestellt: Kennziffern-Wissenschaft oder langer Atem?

Zum Protest gegen die Exzellenz-Initiative

von:

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft ist auch deshalb eine so reizvolle Disziplin, weil sie systematisch mindestens zwei unterschiedliche Forschungsmethoden verbindet – die qualitative und die quantitative. Zur (produktiven!) déformation professionelle qualitativer kulturwissenschaftlicher Verfahren gehört es, Impressionen zwar nicht generell zu vertrauen, ihnen aber doch einen heuristischen Wert zuzutrauen. Man muss nun kein approbierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler sein, um die alltägliche Uni-Kommunikation über die alte wie die neu aufgelegte Exzellenz-Initiative auffallend und analysebedürftig zu finden. Denn stets erneut macht sich ein profanes Dilemma bemerkbar. Im ältesten Medium, der face-to-face-communication, wird noch sehr viel stärker als sonst gänzlich anders (also nicht nur in stilistischer, sondern eben auch in inhaltlicher Hinsicht) über die Exzellenz-Initiative gesprochen als in der publizierten Schriftform. Antragsprosa oder Verlautbarungen von offiziösen Universitätszeitschriften (die ja ebenso wie andere Unternehmens-Zeitschriften nicht gerade Muster an Selbstkritik produzieren, sondern Artikel für Artikel kundtun, dass diese Universität «gut aufgestellt» sei) begrüßen die Erneuerung der Exzellenz-Initiative, ansonsten aber hört man zumeist lästerliche Reden.

Mit einem Wort: es herrscht in der Kommunikation über die Exzellenz-Initiative systematischer doublespeak. Ironische, distanzierte, mitunter gar verächtliche Reden über den Antragsprosastil / über Kollegen, die nur noch mit Antragsstellung und Mitteleinwerbung beschäftigt sind / über die, die als akademische Lehrer scheitern und deshalb Wissenschaftsmanager werden wollen / über die groteske Zeitverschwendung, die die Antragsstellung erfordert / über glatte Fehlinvestitionen an Ressourcen und Zeit, wenn ein Antrag scheitert (was ja der statistische Standardfall ist) / über inkompetente und von Eigeninteressen geleitete Gutachter / über die Nötigung, schon bei frisch angelaufenen Projekten an den Verlängerungsantrag zu denken / über die ausbleibende Resonanz auf die allfälligen S(t)ammelbände / über die Reklamesprache der Projekte und die Lancierung neuer turns und keywords / über den Egoismus der jeweiligen Teilprojekte etc. pp. – lästerliche Reden sind der Normalfall. Und das gerade auch bei denen, die wissen, wovon sie sprechen, die also Erfahrung mit der Einwerbung von Drittmittelprojekten im Rahmen der Exzellenz-Initiative haben. Diesen erfahrungsgesättigten Lästereien widerspricht krass die Antrags-, Vorwort-, Gutachter- und Verlautbarungsprosa über die jeweiligen Projekte. Eine schizoide Kommunikation aber kann nicht die regulative Idee akademischer Kommunikation sein.
Irritierend ist, dass solche kritischen Reden weit verbreitet sind, aber nur im Ausnahmefall öffentlich vorgetragen werden. Allerdings sprechen starke Indizien dafür, dass diese Konstellation bald kippt – und das ist auch gut so. Auf dem 66. DHV (Deutscher Hochschulverband)-Tag, der im April 2016 in Berlin stattfand, wurden sehr kritische Töne laut (in der DHV-Zeitschrift Forschung und Lehre 5/2016 sind sie dokumentiert). Und nun sorgt ein Aufruf Für gute Forschung und Lehre – Argumente gegen die Exzellenzinitiative für Aufsehen, zu dessen Erstunterzeichnern der Autor dieses Beitrages zählt. Die Gründe für die dennoch vorherrschende schizoide Kommunikation über die Exzellenz-Initiative sind offensichtlich, die Irritation darüber ist deshalb schnell aufzulösen: Man kann sich den Imperativen der Exzellenz-Initiative kaum entziehen. Mir sind mehrere Kolleg_innen bekannt, die dem genannten Aufruf zustimmen, aber ihn nicht unterzeichnen, weil sie gerade einen Antrag gestellt oder bewilligt bekommen haben und plausibler Weise Sanktionen fürchten. Das Standardargument für ein solches Verhalten ist so trivial wie triftig: Man müsse das Spiel halt mitspielen, wenn man das Wohlwollen der Universitätsleitung, ein höheres Einkommen und Stellen für den Nachwuchs haben wolle. Um nur ein – freilich häufig anzutreffendes – Szenario zu benennen: Eine frisch berufene Juniorprofessorin, deren Vertrag laut Berufungsvereinbarungen nur dann entfristet wird, wenn es ihr gelingt, erhebliche Drittmittel einzuwerben, wird, was wenig überraschend ist, zögern, einen solchen Aufruf zu unterschreiben. Ihre Lust, ein bedeutendes Buch zu schreiben, muss sie unterdrücken, denn dafür sehen die Berufungsvereinbarungen keine Entfristungs- oder Gehaltszulage-Prämie vor. Stattdessen wird sie in zahllosen Sitzungen versuchen, ein früher inter-, dann trans- und nun metadisziplinär genanntes Projekt auf die Beine zu stellen – also «gut aufgestellt» zu sein (merkt denn keiner, dass dieser inflationären Wendung die Assoziation ‹Potemkische Dörfer› geradezu obligatorisch mitgegeben ist?).

Um Missverständnisse zu vermeiden: es gibt zweifellos Drittmittel-Projekte, die produktiv sind und Aufmerksamkeit (mitunter gar über enge Fachgrenzen hinaus) verdienen. Und selbstverständlich gibt es Forschungsprojekte, die nur im Großverbund zu bewältigen sind. Einen Teilchenbeschleuniger kann sich nicht jede Einzeluniversität leisten, eine kritische Edition aller Werke und Schriften Richard Wagners kann nicht mit den Mitteln eines Lehrstuhls erstellt werden. Das Problem aber lässt sich prägnant benennen: Ein Forschungsdesign, wie es für einige Disziplinen und Projekte sinnvoll, ja unvermeidbar sein mag, wird zur verbindlichen Forschungskultur für alle Disziplinen und ForscherInnen erklärt. Die daraus resultierenden Verwerfungen sind kaum zu überschauen. Um einen zugegebenermaßen drastischen, aber sachlich belastbaren Vergleich zu bemühen: Der Wissenschaftsbetrieb steht vor einer tiefenstrukturellen Umstellung von gewaltigem Ausmaße – so als ob das Wirtschaftssystem von freier Marktwirtschaft plötzlich auf staatlich geleitete Kommandowirtschaft mit Vorgabe von Fünfjahresplänen verpflichtet würde.

Elementare Umstellungen in der Wirtschaft sind meist an neue Währungen und ein neues Bankensystem gekoppelt. Ähnliches gilt für das Wissenschaftssystem. Die Ein- und Weiterführung der Exzellenz-Initiative bringt im Verbund mit der Bologna-Reform eine neue Uni-Währung mit sich: Kennziffern treten an die Stelle von Kommunikation über konkrete Forschungsergebnisse. Das Ranking ganzer Fächer, Fachbereiche und Universitäten bemisst sich fast ausschließlich an Ziffern. Eine Universität, die mehr Drittmittel eingeworben hat als eine andere, gilt dann per se als die bessere, als die exzellente. Das Faktum, dass ein Forscher mehr Veröffentlichungen in einem A-Journal aufzuweisen hat als ein anderer, macht ihn zum besseren Forscher. Die Bücher, die der andere in die Waagschale zu werfen hat, zählen nicht, sie sind keine gültige Währung mehr. Der Pressesprecher oder Präsident einer Universität verkündet stolz, dass seine Universität im Ranking in den letzten Jahren von Platz 37 auf Platz 23 aufgestiegen sein, wird aber sprachlos, wenn er berichten soll, welchen großartigen Einsichten und Forschungsergebnissen dieser Aufstieg denn zu verdanken sei. Beredt wird er wieder, wenn er kundtut, man habe soundsoviele Graduiertenkollegs gegründet und einen Sonderforschungsbereich eingerichtet, aus der Exzellenz-Initiative größere Summen erhalten etc. pp. Im Übrigen gebe es noch viel zu tun, die Universität werde sich noch um weitere Fördergelder bewerben, man sei zuversichtlich, diese zu erhalten, denn die Uni sei gut aufgestellt.

Bemerkenswert ist, worüber nicht gesprochen wird, wenn über solche Kennziffern gesprochen wird: über Forschungsergebnisse, über neue Theorien, über Paradigmenwechseln und über Bücher, die ein weites Publikum erreichen, kurzum – über Inhalte. Die Exzellenz-Initiative fördert nicht, sie blockiert vielmehr wissenschaftliche zugunsten bewirtschafteter tabellenfixierter Kommunikation. Diskussionen von einiger sachlicher Relevanz, Diskussionen aus kultur-, medien- und sozialwissenschaftlichen Sphären, die gar die Öffentlichkeit erreichen, gehen gerade nicht auf Projekte zurück, die im Rahmen der Exzellenz-Initiative gefördert wurden, sondern auf Publikationen, die sich der traditionellen Sturheit einzelner Forscher verdanken. Mit einem Wort: Wer heute überhaupt noch über die Verlautbarungsprosa und Rankinglisten hinaus etwas liest, liest nicht Sammelbände, sondern Monographien. Die heute fast alleingültige Währung im Sektor wissenschaftlicher Veröffentlichungen aber ist der von Peer reviews durchtrimmte Artikel in einem A-Journal. Alles andere zählt nicht mehr, gerade auch wenn es um Berufungen geht. Die A-Journal-Artikel aber werden ihrerseits mehr zur Kenntnis genommen und statistisch ausgewertet (etwa um den Hirsch-Index zu errechnen) als wirklich gelesen. Bibliometrie tritt an die Stelle von Bibliophilie; dass ein Artikel so und so viel mal zitiert wird, ist wichtiger als die Frage, was denn da zitiert wird und ob etwas dran ist an dem, was da behauptet wird.

Das hat fatale Auswirkungen. Einige WissenschaftlerInnen mögen tatsächlich glauben, dass solche Kennziffern geeignet sind, objektiv Relevanz auszuweisen. Dabei ist die Vermutung nur allzu begründet, dass es im Rahmen einer so auf Exzellenz getrimmten Wissenschaft zu problematischen Selbstverstärkungen und Rückkoppelungseffekten kommen kann, die dem Außenseiter zunehmend Durchsetzungschancen verwehren. Doch gerade der Außenseiter ist die Figur mit dem größten Innovationspotential. Ob Einsteins Relativitätstheorie (um von Alfred Wegeners von Fachkollegen verlachte Kontinentaldrift-Theorie oder Gregor Mendels Vererbungsregeln zu schweigen) die Schwelle eines heutigen Drittmittelantrags-und Peer-review-Verfahrens gemeistert hätte? Geschafft haben das etwa Theorien über die besondere Effizienz und Transparenz der Finanzmärkte – eine vom Volkswirtschafts-Nobelpreis gekrönte Theorie wurde nach dem Lehmann-Brothers-Crash von 2008 zur Lachnummer. Not amused waren Fans der Kennziffern- und Peer-review-Wissenschaft auch, als sich 2013 herausstellte, dass der wohl meistzitierte finanzökonomische, selbstredend in einem A-Journal publizierte Fachartikel der auf Ranking-Listen bestens platzierten Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart aus dem Jahr 2010 schlicht einen gravierenden Rechenfehler enthielt. Die angeblich datenbasierte These, dass bei Staatsschuldenquoten von mehr als 90 Prozent das Wachstum der betreffenden Volkswirtschaft irreversibel Schaden nehme, beruhte auf schlampiger Rechnerei – wie ein Student einer drittklassigen US-Universität entdeckte.

Man muss nicht sonderlich phantasiebegabt sein, um Alternativen zur neu aufgelegten Exzellenz-Initiative durchzuspielen. Etwa diese: Die Hälfte der gut 500 Millionen Euro, die jährlich als Drittmittel an jene Universitäten fließen sollen, die gut aufgestellt sind, wird dazu verwendet, aus dem von Projekt zu Projekt hechelnden Mittelbau-Prekariat ein selbstbewusstes Nachwuchs-Potential mit langem Atem zu machen. Einen Mittelbau, der nicht auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, den jeweils neusten Antragsstil einzuüben und rituell Innovation und Kreativität zu beschwören, sondern tatsächlich Eigenes voranzutreiben und vorzustellen. Ein solcher Mitteleinsatz wäre übrigens ein Gang zurück zu produktiven Ursprüngen. Die meisten haben schlicht vergessen, dass in den 1970er und 1980er Jahren Drittmittel dazu dienten, jungen selbständigen Köpfen Mut zu machen und Möglichkeiten zu geben, sich gegen den etablierten Unibetrieb durchzusetzen. Heute ist die Exzellenz-Initiative zum Durchsetzungs- und Macht-Instrument älterer oder früh in Gremien vergreister Herren und Damen geworden, die gerne mit «Exzellenz» angeredet werden wollen.

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Und am 29.5.16 auch in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/wissenschaftle...
»Man will ein Zweiklassensystem«. Künftig will der Bund dauerhaft in sogenannte Exzellenzuniversitäten investieren. Damit werden die Großen noch stärker. Gespräch mit Michael Hartmann, in: junge welt, 26.4.16

Kommentare

Die Modellierung der Exzellenz-Initiative-Kriterien erfolgte (historisch) in einer Phase des Umbruchs zur überwiegend drittmittelfinanzierten Projekt-und Verbundforschung und unter dem wachsenden Einfluss der Umstrukturierung der Higher Education durch NPM. Die grundlegende Neuausrichtung läuft in allen europäischen Hochschuleinheiten auf mess-, zähl- und vergleichbare Kriterien der "scientific excellence" hinaus, was zunächst mehr Transparenz und ein Zusammengehen der europäischen Forschung ermöglichen sollte. Diese Ziele sind in Gefahr vergessen zu werden, doch was bliebe übrig wenn Wissenschaft wie Kreditwirtschaft "aufgestellt" würde ? Wie nachhaltig ist das nach diesen Exzellenz-Kriterien durch steuerbare Prozesse erzeugte wissenschaftliche Wissen, abgesehen von seinem weiteren Umlauf in der elektronischen Datenverarbeitung ? Benachteiligt werden kleine Fächer, Forschungsanliegen jenseits des Großprojekts wie die sprach- und kulturgebundenen, "non-scientific" bezeichneten Geisteswissenschaften. Die Exzellenzinitiative spaltet die Fakultäten und etabliert ein Mehrklassensystem der wissenschaftlich Tätigen, da u.a. universitäre Lehre nach diesem Qualitätsbegriff nicht mehr zur Qualifikation des Wissenschaftlers beitragen kann. Die Exzellenzinitiative sollte Profile der Hochschulen im Wettbewerb untereinander schärfen, stattdessen wirkt sie wie das Messer der Collagisten: einmal quer durch den Bauch der Alma Mater.

Silke Walther

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